„Text reicht, Noten brauch ich nicht.“  Das schreibt mir einer meiner Kursteilnehmer und lässt damit ein Fragezeichen auf meiner Stirn entstehen. Noten und Musik! Das ist wie Topf und Deckel, wie Fussball und Tor, wie Pizza und Käse. Wie kann man ohne Noten neue Lieder lernen?

Doch dann dämmert mir, dass mein Kursteilnehmer etwas Entscheidendes nicht weiß. Etwas elementar Wichtiges!

Zutritt verboten

Vor mir steht eine mittelgroße Frau Anfang 40 mit einer lässigen Jeans und einer hübschen Bluse. Sie würde gerne wieder mit dem Singen anfangen. Der Schulchor läge schon etwas zurück. Eingerostet sei sie. Aber – und jetzt wird ihre Stimme leiser – sie könne keine Noten lesen. Fast entschuldigend fügt sie das an. Ich habe sofort das Gefühl als stünden wir hier nicht in meinem hellen freundlichen Musikzimmer sondern am Eingang zum Paradies, an dessen Pforte ein großes Schild prangt: Eintritt nur für Leute mit Notenkenntnissen! Zack! Bumm! Und schon muss ein Großteil der Menschen draußen bleiben. Pech gehabt!

Aber zum Glück ist es ja so nicht! Der Zugang zum Musikparadies steht jedem offen. Der Eintritt ist frei! Musik ist nichts Elitäres. Nichts, was nur Menschen vorbehalten ist, die über 1,80m groß sind oder deren Lieblingsfarbe blau ist. Nein! Musik ist für alle da. Jeder darf Musik machen.

Die Arten ein Lied zu lernen

Stellen wir uns vor, wir möchten dieses eine wunderschöne neue Lied auch singen können, das wir neulich gehört haben. Welche Möglichkeiten gibt es:

  1. Wir hören uns das Audio immer und immer wieder an bis wir Text und Melodie im Kopf haben. Ja, das geht. Kann aber dauern. Es muss erst mal ein Audio vorhanden sein und dann muss dieses Audio auch noch so gut aufgenommen sein, dass der Text gut zu verstehen ist und die Melodie erkennbar. Und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass das nicht bei allen Songs der Fall ist.
  2. Wir lassen uns das Lied von jemandem vorsingen, der es kennt und kann. Ja, auch eine Möglichlichkeit. Diesen Jemand muss es halt geben, er muss Zeit haben und gewillt sein und dieses wundervolle Lied mehrmals vorzusingen. Immer wieder.
  3. Wir wählen die Lösung meines Kursteilnehmers und nehmen den Text her. Und dann…? Woher kommt die Melodie? Immer noch das oben erwähnte Fragezeichen auf meiner Stirn.
  4. Wir nutzen ganz oldschool Noten und schlagen damit mehrere Fliegen mit einer Klappe: Melodie, Text, Singanweisungen, Tempoangaben, Verfasser, Komponist…usw. alles da. Yeah!

Wenn wir jetzt noch Audio und das Notenblatt kombinieren wird’s noch besser! Aber ohne Noten dauert es entweder lange bis wir das Lied kennen oder es funktioniert gar nicht. „Ja, aber ich kann doch keine Noten lesen!“ Doch! Ich bin sicher, dass auch Du es kannst!

Jeder kann Noten lesen! Wirklich!

Was heißt Noten lesen? Für mich gibt es zwei verschiedene Arten, nämlich das absolute und das relative Notenlesen. Beides ist ohne Zweifel wichtig. Beides hat seine Berechtigung. Beide Techniken beschäftigen sich mit den kleinen schwarzen Punkten und doch sind es zwei völlig verschiedene Herangehensweisen. Beide sind erlernbar. Für Kinder und für Erwachsene. Aus über 15 Jahren Erfahrung als Musikpädagogin und Chorleiterin weiß ich, dass das absolute Notenlesen in aller Munde ist. Redet jemand von Notenlesen, dann meint er genau das. Das relative Lesen wird sehr stiefmütterlich behandelt! Völlig zu Unrecht! Denn aus meiner Sicht ist es unverzichtbar und im Gegensatz zu Ersterem sehr leicht zu erfassen und von jedem zu lernen. Wirklich!

Absolutes Notenlesen

Wenn du weißt wie der schwarze Bollern auf der 3. Linie heißt, dann ist das schon ein Anfang! Wenn Du weiß, was fis, cis und gis bedeuten, dann bist Du schon gut dabei. Wenn Du alle Noten benennen kannst ohne Nachzudenken, dann kannst Du Notenlesen. Absolut Notenlesen.

Aber es ist ein wenig so wie wenn du alle Buchstaben kennst, aber keine Wörter bilden kannst. Und die Notenschrift ist noch viel komplexer und bietet uns damit noch viel mehr Möglichkeiten, die noch keineswegs erschöpft sind, wenn du weißt, dass im 3. Zwischenraum das c „wohnt“.

Drei Beispiele:

Mein 12jähriger Klavierschüler Leo sitzt vor mir am Klavier. Ein neues Stück soll erarbeitet werden. Seufzen. Notenlesen ist doof. Dabei kann Leo die einzelnen Töne. CDEFGAHC! Super! Aber er erkennt nicht, dass die Töne in den Takten 2 und 6 identisch sind. Mühsam sucht er sich die Einzeltöne aus dem zweiten Takt zusammen und fängt im Takt 6 wieder an zu „buchstabieren“. Beschwerlich und so demotivierend!

Du sitzt im Chor mit den Noten in deiner Hand. „Mehr als 30 Jahre singe ich hier!“ sagst du stolz. Drei Jahrzehnte Chorerfahrung! Das ist eine lange Zeit! Aber eigentlich brauchst Du die Noten nur um den Text zu lesen. Der Rest ist Dir ein Rätsel. Auch nach 30 Jahren. Wie kann das sein!

„Meine Tochter hat Musikklausur und versteht das nicht. Kannst Du nicht helfen?“ Klar, kann ich. Wir setzen uns zusammen. Die zu bearbeitende Frage lautet: „Charakterisiere das erste Thema der Sonate.“ „Was muss ich da machen, sagt die Schülerin. Sie kann Noten lesen. Eigentlich beste Voraussetzungen um die Aufgabe sehr gut zu meistern. Doch es klappt nicht. Warum?

 

Relatives Notenlesen

Es klappt nicht, weil nur Einzeltöne gelesen werden. Doch Noten lesen ist viel mehr: Spannend wird es, wenn wir die einzelnen schwarzen Punkte miteinander in Beziehung setzen. Denn ein einzelner Ton ist kein Lied. Erst mindestens 2 Noten liefern uns Informationen, die für das musikalische Hören und insbesondere für das Singen unverzichtbar sind. Das ist das Geheimnis!

Wie können zwei Noten miteinander Beziehung treten? Grundsätzlich auf drei verschieden Weisen:

  1. Die Linie bewegt sich nach oben (Sprung oder Schritt)
  2. Die Linie bewegt sich nach unten (Sprung oder Schritt)
  3. Die Töne bleiben gleich.

Diese Informationen sind wesentlich spannender als zu wissen, welchen Namen diese Note trägt. Denn auf diese Weise lässt sich aus dem Notenbild erkennen welchen Verlauf die Melodielinie nimmt. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Hier ein Kinderlied mit leicht zu erfassender Struktur. 

Der Tonwiederholung am Anfang folgt ein Sprung nach unten. Im Takt 3 und 4 geht die Linie nach einer Tonwiederholung schrittweise nach unten. Die zweite Zeile beginnt wie die erste, doch dann bewegt sich die Linie nach oben. In weiteren Verlauf dominieren paarweise Tonwiederholungen und ganz am Ende führt eine Tonleiter in den Schluss.

„Na das ist ja nicht schwer!“, sagst Du. Ja, klar, sag ich! Es ist nicht schwer! Es ist keine Zauberei! Und du kannst es obwohl du immer dachtest du kannst keine Noten lesen.

Skeptiker vor

„Ja, das ist ja einfach! Kinderlieder aus Tonwiederholungen und -leitern! Was hilft das denn fürs Singen?“ Na, klar ist das einfach! Ich hab Dir oben versprochen, dass es jeder kann. Leichte Strukturen zu erfassen ist der allererste Anfang. So wie ein Erstklässler vielleicht auch nicht mit Harry Potter 1-6 beginnt, sondern mit etwas einfacherer Kost. Aber wenn er die Grundlagen verstanden hat, tun sich ungeahnte Weiten auf. Und das ist beim relativen Notenlesen genauso.

Absolute Tonnamen kommen in diesem Konzept nicht zwingend vor. Absolute Tonnamen lernen ist eine Fleißarbeit. Sonst nichts! Es ist wie Vokabeln lernen. Merken und festigen. Noten absolut lesen können   – also zu wissen welcher Ton c ist, welcher Ton auf der 3. Linie ist usw. –  ist ohne Zweifel wichtig und wertvoll. Aber um Strukturen erfassen zu können, ist es nicht zwingend notwendig. Und: Selbst wenn du alle Notennamen sicher kennst, nützt Dir das wenig, wenn Du sie nicht in Beziehung setzen kannst.

Hast Du Lust auf einen Kopfsprung? Mitten rein in einen komplexen Notensatz? Keine Angst – ich bin an Deiner Seite! Du siehst hier von Antonin Dvorak 9. Symphonie „Aus der neuen Welt“, 1. Satz, Allegro molto.

„Ich kann nicht Noten lesen!“ Doch, du kannst es! Lass uns schauen und relativ lesen: Was siehst Du?

Ein Thema, das von unten nach oben geht und wieder zurück. Darunter begleiten die Streicher mit langen Tönen und vier Tönen nach unten. Darauf antworten die anderen Instrumente und wiederholen dreimal das Gleiche. Kannst Du es erkennen? Das ist nicht schwer, oder? Und es steckt noch viel mehr  in diesen Noten. Übrigens eine Seite aus einer Partitur. Das heißt aus den Noten, die der Dirigent vor sich liegen hat, wenn der vor dem Orchester steht.

Du stehst schon mitten drin in der großen weiten Welt der Notenschrift! Herzlich willkommen in der Welt der Musik!

Wie fühlt sich das an?

Lust auf mehr?

Hast Du Lust auf mehr!

Stell Dir vor, was alles möglich ist! Stell Dir vor, welche Türen sich für Dich auftun! Stell dir vor, was das für Dich bedeuten könnte?

Du würdest nicht länger ausschließlich Hieroglyphen auf deinem Notenblatt erkennen. Die schwarzen Punkte würden Sinn ergeben. Du könntest im Chor viel schneller umsetzen, was Dein Chorleiter sagt.  Eine 2. Stimme singen wäre plötzlich viel leichter. Du könntest Deinen Lieblingssong schneller lernen. Du würdest in der Schule in Musik nie mehr vor einem Blatt sitzen und nicht wissen, was Du tun sollst. Neue Klavierstücke zu lernen wäre viel einfacher! Du würdest die Inhalte der vielen Songbooks verstehen, die momentan in Deinem Regal verstauben. Dein Sohn oder deine Tochter hält Dir ein Kinderliederbuch vor die Nase und du könntest mehr als nur den Text vorlesen.

Wie wäre das?